Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen

Mit einer jährlichen Inzidenz von ca. 240.000 Fällen stellt der Schlaganfall in Deutschland das mit Abstand bedeutsamste Krankheitsbild in der Akut-Neurologie dar und rangiert auf Platz drei der Todesursachen-Statistik in den wirtschaftsstarken Nationen. Keine Erkrankung führt häufiger zu dauerhafter Behinderung und Pflegebedürftigkeit. Neben dem häufig gravierenden Verlust an Lebensqualität im individuellen Fall  bedingen die Schlaganfall-bezogenen Aufwendungen im Gesundheitssystem eine immense volkswirtschaftliche Belastung. Insofern verwundert es, dass die meisten strukturellen Verbesserungen häufig dem Enthusiasmus und dem Verantwortungsbewusstsein der klinisch tätigen Ärzte zu verdanken sind.

Vor diesem Hintergrund hat die  Schlaganfallversorgung in Deutschland  in den vergangenen 20 Jahren einen grundlegenden Wandel durchlaufen. Als wesentliche Faktoren sind hier die Etablierung eines wissenschaftlich fundierten Behandlungskonzeptes auf einer spezialisierten Überwachungsstation, der „Stroke-Unit“, sowie die systemische Thrombolyse-Therapie mit rt-PA im definierten 4,5-Stunden-Fenster und die Etablierung einer nahezu flächendeckenden Versorgungsstruktur zur Durchführung der mechanischen Thrombektomie zu nennen. Ihre Effektivität in Bezug auf ein verbessertes klinisches Outcome bei diesem Patienten-Klientel konnten diese drei Stützpfeiler in der Vergangenheit in randomisierten, kontrollierten Studien unter Beweis stellen. Mittlerweile wird die Mehrzahl aller Schlaganfall-Patienten  auf Stroke-Units in Neurologischen Kliniken therapiert und auch die Anzahl der systemischen Thrombolyse-Behandlungen und der mechanischen Thrombektomie ist in den zurückliegenden Jahren stetig gestiegen.

Schlaganfall in der Metropolenregion Ruhrgebiet:

Der Schlaganfall stellt auch im Ruhrgebiet ein häufiges Krankheitsbild dar. Es ist von einer Inzidenz von etwa 300 ischämischen Schlaganfällen (ICD-10: I63) je 100.000 Einwohner und Jahr auszugehen. Zwischen den Jahren 2008 und 2017 konnte die Rate der Patienten, die auf einer neurologischen Stroke Unit behandelt werden, von 43 auf 74% angehoben werden. Im selben Zeitraum steigerte sich im Zuge strukturverbessernder Maßnahmen auch  die Quote der systemischen Thrombolysetherapien von 6,5% aller ischämischen Schlaganfälle auf 15,9%. Die  Metropolenregion Ruhrgebiet  stellt mit einer Bevölkerungszahl von 5,2 Millionen Menschen und  einer Bevölkerungsdichte von 1167 Einwohnern pro km2 den fünfgrößten Ballungsraum Europas dar. Auf den Versorgungsraum verteilen sich 27 Neurologische Akut-Kliniken.

Netzwerkbildung, Vernetzung der Neurologischen Kliniken auf Chef- und Oberarztebene

Aufgrund der räumlichen Nähe mit sich überschneidenden Einzugsgebieten erfolgte bereits ab 2006 eine Zusammenarbeit auf Ebene der neurologischen Chef- und Oberärzte mit dem Ziel, die Versorgungsqualität von Schlaganfallpatienten in der gesamten Region zu optimieren. Hieraus entwickelte sich eine Kooperation zwischen den Kliniken auf dem Sektor der  Öffentlichkeitsarbeit, z. B in Form gemeinsamer Kampagnen zur Sensibilisierung der Bevölkerung für die Anzeichen eines Schlaganfalls und Schulungen zum richtigen Handeln bei “Verdacht auf Schlaganfall“. Ein weiterer Schwerpunkt lag in der Schulung der Rettungsdienste, die große Verantwortung in der prähospitalen Versorgung des Patienten tragen.  Weiterhin wurden gemeinschaftlich Standpunkte zu gesundheitspolitischen Entwicklungen und Diskussionen das Fachgebiet „Neurologie“ betreffend formuliert und Aktionen zur Werbung des beruflichen Nachwuchses durchgeführt. 2010 wurde das gemeinsame Netzwerk „Die Neurologischen Kliniken, Netzwerk Ruhrgebiet gegen den Schlaganfall“ von den Chefärzten der neurologischen Akut-Kliniken ins Leben gerufen. Seither verleiht zudem ein überregionaler Internetauftritt den mitwirkenden Akteuren ein einheitliches Gesicht.

Das „Neurovaskuläre Netz Ruhr“

Einen Meilenstein in der Entwicklung einer belastbaren dezentral organisierten Versorgungsstruktur für Schlaganfallpatienten in der Metropolenregion Ruhrgebiet stellt das „Neurovaskuläre Netz Ruhr“ dar. Nachdem sich gemeinsam erarbeitete Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungsrealität erfolgreich umsetzen ließen (z.B. signifikant gesteigerte Quote bei den Qualitätsparametern „Stroke-Unit-Behandlung“,  Thrombolysetherapie) fokussierten  sich die Bestrebungen bald auf die Erschließung neuer Behandlungsmethoden. Die interventionell-neuroradiologische Therapie der mechanischen Rekanalisation bei Patienten mit Verschlüssen der größeren Hirnbasisarterien stellt spätestens seit 2015 eine etablierte Option dar. Bereits im Vorfeld  konstituierte sich das „Neurovaskuläre Netz Ruhr“, an dem neben den 27 Stroke-Unit-führenden Neurologischen Kliniken auch 9 interventionell tätige Neuroradiologische Kliniken partizipierten. Ziel war u.a. durch konsentierte Abläufe für alle Patienten im Ruhrgebiet die Möglichkeit bereitzustellen unmittelbar jede notwendige Therapieoption erhalten zu können. Dabei erfolgte zunächst die erforderliche informationstechnische Anpassung der telemedizinischen Kommunikationsplattform des Teleradiologieverbundes Ruhr, worüber der zeitnahe Austausch von Bilddaten der betroffenen Patienten  zwischen den einzelnen Kliniken gewährleistet wird. Zusätzlich wurden Standard Operating Procedures (SOPs) entwickelt, die das Patientenklientel genau definieren, das für ein interventionelles Behandlungsverfahren geeignet ist und  die erforderliche Diagnostik festlegen. Darüber hinaus fand während einer einjährigen Pilotphase zum Zweck der externen Qualitätssicherung innerhalb des Neurovaskulären Netz Ruhr die Erfassung sämtlicher prozeduraler Behandlungsdaten in einer gemeinsamen Datenbank statt.

Hervorzuheben ist, dass es sich bei der Thrombektomie nicht um ein Konkurrenzverfahren zur systemischen Thrombolyse handelt, sondern vielmehr um eine Ergänzung der anderen Standardtherapien. Daher erhalten in der Regel alle Patienten, die keine Kontraindikation gegen die Durchführung einer systemischen Thrombolyse bieten, während des Transportes zum Interventionszentrum oder während der Vorbereitung auf den Kathetereingriff eine systemische Thrombolyse im Sinne einer „Bridging-Lyse“.

Ausblick

Durch die Bildung des NVNR e.V. dokumentieren die beteiligten Kliniken im Ruhrgebiet  auch für die Zukunft die Versorgung der Schlaganfall-Patienten weiter zu optimieren. Jeder Patient, der in der Region einen Schlaganfall erleidet, soll jederzeit die bestmögliche Therapie erhalten, die nach wissenschaftlichem Standard indiziert ist. Ein selbstgestecktes Ziel lautete „20/20 in 2020“. Damit war gemeint, dass im Jahr 2020 20% aller Schlaganfälle im Ruhrgebiet eine systemische Thrombolyse und davon wiederum 20% zusätzlich eine interventionelle Behandlung erhalten sollen.